Aus: "Wie es vielleicht war", Kapitel 4

   

Bretagne, September 1915

  

LUCIEN fuhr sachte mit den Fingerspitzen an der glatt-gerippten Oberfläche der großen Muschel entlang. Sie war orange und braun und weißlich getigert, wußte Lucien, auch wenn er es im Dunkeln nicht sah – wie Puce, seine Katze. Aber Puce war weich und warm und würde jetzt schnurren. Die große Muschel lag Lucien schwer in den Händen. Er wog ihre Last, bedächtig. Eine Entscheidung. Es mußte sein. 

Langsam hob er die Muschel an sein Ohr, als ob sie ihm die Antwort sagen könne. Aber er hörte nur das Rauschen. Das ewige Rauschen... Lucien schloß die Augen. Er wünschte sich, die Muschel würde ihn in sich einsaugen, und er würde sich wohlig in ihr einkringeln und ewig dem Meeres-echo lauschen. Vielleicht war das ja seine Antwort. Nur dürfte sie es nicht sein. 

Jeannie. Alles, was er tat, sollte letztlich für Jeannie sein. Das mußte er sich doch vorhalten, das sollte sein Richtungsweiser sein! Aber was war das Beste für Jeannie? „Das einzig Richtige wäre, sie selbst zu fragen“, flüsterte Lucien zu der Muschel, und er-schreckte gleich vor seinen Worten. „Ja, aber weißt du, die Menschen sind so dumm. Sie machen sich alles so schwer, was so einfach und schön sein könnte. Sie zerstören alles.“ Und über der Muschel weinte er, wie er zuletzt als kleiner Junge geweint hatte. 

 

Es war alles so schön gewesen. Als Lucien aus der Stadt zurückgekehrt war, war er der Held seiner Familie gewesen: Er hatte stolz seine Schulauszeichnungen auf dem Tisch ausgebreitet, und dann seine wertvollen Preisbücher vorgelegt. „Pah, alles auf Französisch“, hatte sein Vater in gespielter Abfälligkeit gegrunzt, aber Lucien hatte sehr wohl das Aufleuchten in den väterlichen Augen gesehen, als sie die Preisträgerwidmung entlanggeglitten waren und den Namen Lucien Daniellou gefunden hatten. Lucien wußte, welche Opfer den Vater sein Schul-besuch gekostet hatte. Es war nicht nur das Schul-geld gewesen, sondern vor allem die Hilfe auf dem Hof. Allein mit Yvette und Pierre war es sicher nicht einfach gewesen. 

Auch war sich Lucien noch nicht ganz im Klaren darüber gewesen, wie es nun mit ihm weitergehen sollte. Als der Älteste war er traditionsgemäß für den Hof bestimmt; aber andererseits war es so offensichtlich Pierre, der ganz in sein Bauerndasein hineingewachsen war. Und wenn er mit diesem Abschlußzeugnis ein Stipendium bekommen würde – würde der Vater Lucien dann nicht studieren lassen? 

Das alles waren aber noch ungelegte Eier gewesen, als Lucien nach Hause gekommen war. Auch hatte er noch keine rechte Lust gehabt, sich ernsthafte Gedanken über seine Zukunft zu machen. Bis sie ihm begegnet war; auf einer Fest Noz nahe von Poullaouen, in der Gestalt von Jeannie. 

„Was ist das für ein Mädchen da hinten?“ hatte er Robert, einen seiner alten Freunde, gefragt. „Sag mal, wie lange bist du denn weg gewesen?“ hatte der zurückgegeben. „Das ist doch die kleine Jean-nie Korvest. Die Tochter vom Geschichtenerzähler.“ „Ach ja.“ Und er hatte sich schnell wieder seinem Cidre gewidmet – nur konnte er es gleichwohl nicht lassen, dabei aus den Augenwinkeln noch immer zu ihr hinzusehen. Jeannie Korvest? Bei angestrengter Überlegung meinte er sich schon zu erinnern, an ein kleines, unscheinbares Mädchen, ein stilles Ding mit langen braunen Zöpfen. Sehr groß war diese Jeannie hier auch jetzt nicht; ihr dunkles Haar, das in den künstlichen Beleuchtungen der Nacht gelb glänzte, war nun bis auf ein paar widerspenstige Locken vor den Ohren und im Nacken hochgesteckt und mit einer zartgewirkten Coiffe, der Spitzenhaube, geziert. Gefesselt war Lucien aber vor allem von ihren Augen, die groß und leicht abwesend dreinblickten, als würde sie selbst hier, unter all dem Lärm und Feiern, einem eigenen, schönen Traum nachhängen, während ihre Freundinnen um sie herum munter schwatzten. 

Lucien stellte seine Cidreschale auf den nächst-besten Tisch. „Wohin gehst du?“ rief ihm Robert hinterher. „Tanzen“, hatte er geantwortet. „Schon wieder? Der ist unermüdlich“, und alle hatten gelacht und es ihm gleichgetan. Doch keiner hatte eine Partnerin gehabt wie er! Als er Jeannie aufgefordert hatte, hatte sie halb überrascht zu Boden geschaut, aber dann ihren unterdrückt giggelnden Freundinnen einen spöttisch-mahnenden Blick zu-geworfen, der allein hinreißend gewesen war! Ihre Hand zaghaft auf seinen Arm gelegt, hatte sie leichten Schrittes die Tanzfläche betreten, und ebenso leicht hatte sie mit ihm die halbe Nacht durchgetanzt, einen Tanz nach dem andern, bis der Mond hoch oben am Nachthimmel stand und eine ihrer Freundinnen rief: „Jeannie! Wir müssen gehen!“ 

Und sie hatte ihn schnell angelächelt, sich umgewandt, und flugs war sie verschwunden. Und von den längst vergessenen Freunden her hatte er den Rest der Nacht über manch wohlwollenden Spott zu hören bekommen, bis auch er, todmüde, aber glücklich wie der Mondkönig persönlich, durch die Heide nach Hause gerannt war, so schnell die müden Beine noch konnten, und während er sich immer weiter von dem Fest entfernte und der Klang der Dudelsäcke und der Biniou immer schwächer wurde, bis sich jegliche Melodie zum bloßen Rhythmus der Gavotte zerlaufen hatte, war alles, was er im Takt dieses Rhythmus’ und in dem seines pumpenden Herzens dachte: Jeannie, Jeannie, Jeannie Korvest!